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Diese Deutschen starben im Inferno
11.09.2026 - 15:02 UhrLesedauer: 7 Min.

Rauch über New York City am 11. September 2001 (Archivbild): Beim Terroranschlag auf das World Trade Center starben auch elf Deutsche. (Quelle: Marty Lederhandler/dpa)
Fast 3.000 Menschen starben am 11. September 2001, darunter elf Deutsche. Einige lebten in New York, andere waren nur vorübergehend in den USA – 25 Jahre später sind ihre Geschichten kaum bekannt.
Die Menschen rannten. Polizisten schrien, sie sollten nach Norden laufen, weg vom World Trade Center. Sirenen hallten durch die Straßenschluchten von Manhattan. Vor Telefonzellen bildeten sich Schlangen, das Mobilfunknetz war überlastet. Aus den brennenden Türmen flatterten Papiere auf die Straßen und Menschen sprangen in die Tiefe. Dann, um 9.58 Uhr, stürzte der Südturm ein.
Eine gewaltige Staubwolke schob sich durch den Süden Manhattans. Menschen flohen in Richtung Brooklyn Bridge, manche barfuß, weil sie unterwegs ihre Schuhe verloren hatten. Andere hielten sich Hemden vor Mund und Nase. Fremde reichten einander Wasser und Taschentücher, halfen Gestürzten wieder auf die Beine. Eine halbe Stunde später brach auch der Nordturm zusammen.
19 Terroristen der islamistischen Organisation al-Qaida hatten am Morgen des 11. September vier Passagiermaschinen entführt. Zwei von ihnen steuerten sie in die Türme des World Trade Centers in New York, eine in das Pentagon bei Washington. Die vierte Maschine stürzte in Pennsylvania ab, nachdem sich Passagiere und Besatzung gegen die Entführer gewehrt hatten.
Die Bilder dieses Tages kennt fast jeder. Die Namen der deutschen Opfer dagegen nur wenige. Einige hatten in den USA ein neues Zuhause gefunden. Andere waren beruflich unterwegs. Sie arbeiteten im World Trade Center, hatten dort an diesem Morgen einen Geschäftstermin oder saßen in den entführten Flugzeugen.
Ein neues Leben in Amerika
Sebastian Gorki aus Iserlohn hatte nach dem Wirtschaftsabitur und einer Ausbildung Karriere gemacht. Über die Deutsche Bank in Frankfurt am Main führte sein Weg nach New York, wo er in der Aktiensparte der Bank arbeitete. Am Morgen des 11. September war er bei einem Termin im Südturm des World Trade Centers.
Gorkis Freundin Paula Bellini war im zweiten Monat schwanger. Am Morgen fühlte sie sich nicht wohl und ging nicht zur Arbeit. Nach dem Einschlag der ersten Maschine in den Nordturm telefonierte der 27-Jährige noch einmal mit ihr: "Mir geht es gut, mach dir keine Sorgen." Es waren seine letzten Worte an sie.
Im Video | Drohnenshow erinnert an 11. September
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Klaus Sprockamp erhielt 1996 die Diagnose Hautkrebs. Eine Medizinerin half dem Finanzvorstand eines Heidelberger Biotechnologieunternehmens im Kampf gegen die Krankheit. Später wurde sie seine Frau, die beiden bekamen zwei Söhne.
Am Morgen des 11. September war der 42-Jährige für einen Termin im World Trade Center – gemeinsam mit Sebastian Gorki, der für die Deutsche Bank mitgekommen war. Sprockamp starb wie Gorki im Südturm, sein Leichnam wurde später nahezu vollständig gefunden und in Deutschland beigesetzt.
Falscher Ort zur falschen Zeit
Ingeborg Joseph hatte Deutschland schon früh verlassen. Sie wuchs als ältestes von sechs Geschwistern in Berlin auf, lebte später unter anderem in Paris, London, Barcelona und Brüssel und zog 1967 in die Vereinigten Staaten. Joseph sprach fünf Sprachen, liebte Opernbesuche, klassische Musik und Literatur. Seit 1997 arbeitete sie für eine Hamburger Schiffsspedition im World Trade Center.
Ein Kreditkartenbeleg dokumentiert nach Angaben ihrer Familie, dass die 60-Jährige am Morgen des 11. September um 8.40 Uhr noch in einer Drogerie im Erdgeschoss einkaufte. Sechs Minuten später traf das erste entführte Flugzeug den Nordturm. Joseph überlebte zunächst.
Erst rund eineinhalb Tage später erfuhren ihre Angehörigen, dass Freunde sie in einem Krankenhaus gefunden hatten. 80 Prozent ihrer Haut waren verbrannt. Sie lag im künstlichen Koma. Am 9. Oktober 2001 starb Ingeborg Joseph an den Folgen ihrer Verletzungen, ohne noch einmal das Bewusstsein erlangt zu haben. Ihre Familie brachte sie zurück nach Berlin. Auf der Grabplatte in Frohnau steht: "Terroropfer vom 11. September 2001 in New York."
In Amerika zu Hause
Das Gasthaus seiner Eltern im Münsterland wollte Heinrich Ackermann nicht übernehmen. Sein Weg führte stattdessen nach New York, wo er als Versicherungswirt arbeitete. Sein Büro lag im 101. Stock des Südturms. Seinen Fußballfreunden in Deutschland hatte er versprochen, mit 40 Jahren zurückzukehren. Er wurde 38 Jahre alt.
Christian Wemmers war erst 16, als er während eines Schüleraustauschs die Vereinigten Staaten kennenlernte. Später arbeitete der Mann aus Ahrensburg in Schleswig-Holstein als Softwareentwickler, zog nach San Francisco und leitete zuletzt das Produktmanagement einer Softwarefirma. Er wanderte gern, spielte Tischfußball und bestieg Berge in Nepal. Für eine Fachmesse im World Trade Center war der 42-Jährige nach New York gereist, er starb im Nordturm.
Schon 1973 war Sigrid Wiswe gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester aus Offenbach in die Vereinigten Staaten ausgewandert. In New York arbeitete sie bei American Express und galt bei Kollegen als strenge, aber faire Vorgesetzte. Aus ihrem Büro im World Trade Center konnte sie auf die Freiheitsstatue blicken. Privat backte die 41-Jährige gern Kuchen, stellte Kerzen her und liebte es, sich an Halloween zu verkleiden. Wiswe kam im Nordturm ums Leben. Ihr Leichnam wurde nie gefunden.
Drei Kollegen im selben Flugzeug
Klaus Bothe, Heinrich Kimmig und Wolfgang Menzel arbeiteten für das Softwareunternehmen BCT Technology: Kimmig als Vorstandschef, Bothe als Entwicklungschef, Menzel als Personalchef. Am 11. September saßen die drei im hinteren Teil der Maschine des United-Airlines-Flugs 175 von Boston nach Los Angeles. Die Entführer steuerten die Maschine um 9.03 Uhr Ortszeit in den Südturm des World Trade Centers.
Kimmig war Ingenieur und Tüftler. Er hatte an der Fachhochschule Offenburg studiert und entwickelte mit Studenten Roboter aus Lego, die über das Internet gesteuert werden konnten. In den Vereinigten Staaten wollte der 43-Jährige die Zukunft seines Unternehmens vorbereiten.
Für den 60-jährigen Menzel war die Zeit nach dem Berufsleben bereits geplant. Der Jurist hatte 1989 das Haus seines besten Freundes auf Sylt geerbt. Dort wollte er seinen Ruhestand verbringen. 2002 sollte Schluss mit dem Berufsleben sein.
Bothe verband mit dem Datum 11. September schon vor den Anschlägen etwas anderes: Es war der Geburtstag seiner Tochter Lara, die 1998 zur Welt kam. An ihrem dritten Geburtstag saß der 31-Jährige in der entführten Maschine.
Die Familie von Klaus Bothe verfolgte die Katastrophe vor dem Fernseher. Später wurde ein Knochen von ihm gefunden. Am 11. September 2002 wurde dieser in einem Zinksarg an seine Familie überführt. Es war der vierte Geburtstag seiner Tochter.
Auf dem Weg zu einer Weinmesse
Im September lief in Biebelsheim die Weinlese. Christian Adams aber war beruflich in den Vereinigten Staaten unterwegs. Der 37-Jährige arbeitete als Export-Marketingdirektor des Deutschen Weininstituts und betrieb gemeinsam mit seiner Familie das Weingut seiner Schwiegereltern. In den USA wollte er eine Weinmesse besuchen.
Adams saß in United-Airlines-Flug 93, den vier Terroristen entführten. Passagiere und Besatzung wehrten sich gegen die Entführer, die Maschine stürzte bei Shanksville in Pennsylvania ab. Die Entführer wollten wohl ein Ziel in Washington ansteuern. Adams hinterließ seine Frau Silke und zwei Kinder.
Barbara Edwards wiederum wollte ursprünglich früher nach Hause zurückkehren. Sie wurde 1943 in Frankfurt am Main geboren und war als Kind mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Dort wurde sie Lehrerin für Deutsch und Französisch.
Nach einem schweren Autounfall nahm die 58-Jährige im Juni 2001 erstmals eine längere berufliche Auszeit. Sie besuchte ihren Sohn, der als Kampfpilot im Nordosten der USA stationiert war. Am 9. September wollte sie nach Las Vegas zurückkehren. Ein Freund überredete sie, noch etwas länger zu bleiben. Zwei Tage später saß Barbara Edwards im American-Airlines-Flug 77. Die entführte Maschine wurde in das Pentagon gesteuert.
Für viele Angehörige begannen nach den Anschlägen Tage der Ungewissheit. Bei einigen kam später die Enttäuschung über den Umgang deutscher Behörden mit ihnen hinzu.
Angehörige fühlten sich alleingelassen
Manfred Gorki sah im Fernsehen, wie die zweite Maschine in den Südturm flog. Danach versuchten er und seine Frau stundenlang, Gewissheit über das Schicksal ihres Sohnes Sebastian zu bekommen.
Der Arbeitgeber seines Sohnes organisierte psychologische Betreuung und brachte die Familie nach New York. Von staatlicher Seite sei dagegen kaum Unterstützung gekommen, kritisierte Manfred Gorki.
Sogar die Übersetzung der Sterbeurkunde musste die Familie selbst organisieren. Hinzu kamen Auseinandersetzungen mit Behörden über die Einfuhr persönlicher Gegenstände ihres Sohnes. Zu Weihnachten erhielten die Gorkis einen Brief des damaligen US-Präsidenten George W. Bush. Auf ein entsprechendes Schreiben der deutschen Regierung warteten sie nach Gorkis Angaben vergeblich.
Auch andere Hinterbliebene beklagten mangelnde Unterstützung. Nach dem 11. September und den Anschlägen auf der tunesischen Insel Djerba im April 2002 und auf Bali im Oktober 2002, bei denen ebenfalls Deutsche starben, reagierte die Bundesregierung.
Im Dezember 2002 wurde die Nachsorge-, Opfer- und Angehörigenhilfe, kurz Noah, eingerichtet. Sie soll deutschen Opfern und ihren Familien nach schweren Unglücken im Ausland psychosoziale Betreuung und Unterstützung bei Behördengängen bieten. Für Manfred Gorki fehlte allerdings etwas bis heute: ein Ort, an dem der deutschen Opfer gedacht wird.
Ein Stein ohne Namen
Am 11. September 2008, dem siebten Jahrestag der Anschläge, versammelten sich 19 Hinterbliebene im Innenhof der amerikanischen Botschaft in Berlin. US-Botschafter William R. Timken enthüllte dort einen Granitstein mit einer Gedenktafel, weiße Rosen lagen darauf. Manfred Gorki sagte damals: "In der amerikanischen Botschaft fühlen wir uns mit unserer Trauer endlich ernst genommen."
Auf der Tafel steht, dass Menschen aus 90 Ländern bei den Anschlägen ums Leben kamen, darunter elf Deutsche. Ihre Namen stehen dort nicht. Später ergänzte die Botschaft die Gedenkstätte um das Stück eines Stahlträgers aus den Trümmern des World Trade Centers.
In New York sind die Namen dagegen verzeichnet. Am 9/11 Memorial am Ground Zero sind die Namen aller Opfer eingraviert, auch die der Deutschen. Bei der zentralen Gedenkfeier zum 25. Jahrestag lesen Angehörige sie wieder vor.
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