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Antisemitismus in Deutschland: Josef Schuster über eine "unheilige Allianz"

2 weeks ago 9

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Israelfeindliche Kundgebung in Berlin: "In wirklich großen Städten macht sich ein Antisemitismus insbesondere von links breit". (Quelle: IMAGO/Andrés Trujillo/JNA Press)

Als Arzt und Mitglied des Ethikrates ist Josef Schuster geübt in schwierigen ethischen Fragen. Doch die Organspende ist nicht das einzige Thema, das den Präsidenten des Zentralrats der Juden derzeit beschäftigt.

Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 1.000 Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten. Nach wie vor müssen potenzielle Organspender ihren Willen ausdrücklich bekunden. Der Bundestag entschied sich 2020 gegen die sogenannte Widerspruchslösung, bei der jeder Erwachsene als Organspender gilt – sofern er oder sie einer Organspende nach dem Tod nicht ausdrücklich widerspricht.

Nun hat eine fraktionsübergreifende Gruppe von Abgeordneten einen neuen Anlauf für die Widerspruchslösung gestartet. Ein wichtiges Gremium bei der Entscheidungsfindung ist der 24 Mitglieder starke Ethikrat. Ihm gehört auch Josef Schuster an, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Mit ihm sprach t-online über den jüdischen Blick auf das Thema Organspende, aber auch über die Bedrohung durch den um sich greifenden Antisemitismus.

t-online: Herr Schuster, haben Sie selbst einen Organspendeausweis?

Josef Schuster: Das habe ich ehrlicherweise nicht. Das mag auch an meinem Alter liegen, aber daraus sollte man keine Rückschlüsse auf meine Einstellung zur Organspende ziehen.

Dann geht es Ihnen wie etwa 80 Prozent der Deutschen, die zwar die Organspende befürworten, von denen aber nur etwa die Hälfte auch einen Spenderausweis besitzt.

Ja, zu dieser Gruppe zähle ich mich.

Im Bundestag wird nun erneut über eine Widerspruchslösung debattiert. Dann wäre grundsätzlich jeder Erwachsene, der nicht ausdrücklich widerspricht, Organspender. Wie stehen Sie zur Widerspruchslösung?

Da muss ich klar unterscheiden. Als Individuum, auch aus der Praxis als Mediziner, kann ich die Widerspruchslösung gut verstehen. Wenn ich als Präsident des Zentralrats der Juden spreche, habe ich natürlich die religiöse Position zu diesem Thema im Blick. Und das Judentum hat hier zunächst einmal ein gewisses Problem.

Erklären Sie das bitte.

Im Judentum gilt bis heute das Gebot der Unversehrtheit des Körpers, und das gilt auch für den Leichnam. Es gibt aber ein Gebot, das noch höher steht: dass zur Erhaltung des Lebens fast alles erlaubt ist. Daher erlaubt das Religionsgesetz im Prinzip auch die Organspende, und viele rabbinische Autoritäten akzeptieren inzwischen den Hirntod als entscheidendes Kriterium.

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Josef Schuster (Quelle: IMAGO)

Zur Person

Josef Schuster wurde 1954 in der israelischen Stadt Haifa geboren. Seine Eltern waren von den Nazis vertrieben worden. 1956 kehrten seine Eltern mit ihm zurück nach Würzburg. wo er später Medizin studierte. Bis 2020 praktizierte Schuster in Würzburg als Arzt für Innere Medizin. Seit 2014 ist er Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, 2020 wurde er in den Ethikrat berufen. Schuster ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Inwiefern würde eine Widerspruchslösung mit dem jüdischen Religionsgesetz kollidieren?

Es ist die alleinige Entscheidung des Betroffenen oder der Angehörigen, im Falle des Hirntods über eine Organentnahme zu entscheiden. Nach jüdischem Verständnis erfordert eine postmortale Organentnahme die bewusste Einwilligung des Spenders. Eine Widerspruchslösung kann dies aber nicht gewährleisten. Sie birgt die Gefahr, dass die tatsächliche Überzeugung des Einzelnen übergangen wird, wenn er sich zu Lebzeiten nicht geäußert hat. Letztlich wäre mir das Risiko zu groß, etwas zu tun, was nicht im Sinne des Verstorbenen ist. Im Einklang mit dem Judentum steht aber die derzeit geltende Zustimmungslösung.

Seit März 2024 gibt es ein Onlineregister für Erklärungen zur Organspende, die Zahl der Spenden ist aber nicht bedeutend gestiegen. Kann das ohne Widerspruchslösung überhaupt gelingen?

Statt der Widerspruchslösung sollten wir uns darum bemühen, Zustimmungserklärungen zur Organspende zu forcieren. Da schließe ich mich auch absolut mit ein. Es sollte 'zum guten Ton' gehören, einen Organspendeausweis zu haben. Einen gewissen gesellschaftlichen Druck in diese Richtung darf es ruhig geben.

Wie könnte dieser Druck konkret aussehen?

Es wäre doch eine Möglichkeit, jeden Einzelnen anzuschreiben und konkret mit der Frage zu konfrontieren, ähnlich wie bei einer Wahlbenachrichtung. Und wenn es rechtskonforme Wege gibt, den Eintrag ins Organspenderegister zu vereinfachen, fände ich auch das absolut sinnvoll.

Als Präsident des Zentralrats der Juden sind Sie nicht nur mit ethischen Problemen konfrontiert. Seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 haben antisemitische Hetze und Gewalt massiv zugenommen, auch in Deutschland. Fühlen sich Juden hier noch sicher?

In vielen Teilen des Landes ist es weiterhin möglich, auch erkennbar als Jude zu leben. Wir haben aber in wirklich großen Städten und Ballungsräumen das Phänomen, dass sich dort ein Antisemitismus insbesondere von links breitmacht, der sich mit dem Antisemitismus der extremen Rechten und aus islamistischen Kreisen überschneidet. Das klingt zunächst seltsam, hat sich aber so entwickelt. Doch es ist eine unheilige Allianz, die sich hier mit dem Antisemitismus als Brückenideologie gebildet hat, die zu erheblichen Problemen führt. Jüdinnen und Juden fühlen sich nicht mehr sicher und wollen und können nicht mehr als Juden erkennbar sein. Das sind unhaltbare Zustände.

Dazu passt, dass die Linkspartei Israels Kriegsführung in Gaza nun offiziell als Genozid bezeichnet, obwohl der Internationale Strafgerichtshof diesen Vorwurf nicht bestätigt. Wie erklären Sie sich Israelfeindlichkeit und Antisemitismus im linken Spektrum?

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Der Antisemitismus von links erwächst aus dieser Israelfeindlichkeit. Juden in Deutschland werden von der Linken generell in Mithaftung genommen für Handlungen der israelischen Regierung. Auch in den anderen Kreisen wird zu wenig unterschieden zwischen Israel und Juden in Deutschland, Frankreich oder in den USA. Wenn die Linkspartei nun den Begriff des Genozids verwendet, aber gleichzeitig vor Antisemitismus warnt, dann ist das für mich nicht glaubhaft.

Die größte Gefahr für Juden in Deutschland, beispielsweise in Form von persönlichen Drohungen, geht aber von Rechtsextremen aus. Nun dokumentiert ein juristisches Gutachten die Verfassungsfeindlichkeit der AfD. Wie stehen Sie zu einem Verbotsverfahren gegen die Partei?

Zeitweise stand ich einem Verbot der AfD eher kritisch gegenüber. Nicht, weil ich der Meinung bin, dass sie keine verfassungsfeindliche Partei ist. Vor dem Hintergrund des gescheiterten Verbotsverfahrens gegen die NPD hatte ich aber die Sorge, dass auch ein Verfahren gegen die AfD scheitert. Und das wäre eine absolute Katastrophe.

Und jetzt?

Inzwischen sehe ich es differenzierter. Alle Optionen zur Bekämpfung der AfD müssen auf den Tisch und sorgsam geprüft werden. Eines darf man dabei nicht vergessen: Die Probleme des Landes werden durch ein Verbot allein nicht gelöst. Die Wählerschaft der Partei wäre mit einem Verbot nicht weg, und sie würde sich ein anderes Ventil suchen.

Die Zahl der antisemitischen Straftaten ist im vergangenen Jahr zum dritten Mal in Folge angestiegen. Wie erklären Sie sich, dass der Hass gegen Juden weiter zunimmt?

Ich interpretiere das so, dass manch einer sich traut zu sagen oder zu tun, woran er schon lange gedacht hat, sich aber nicht zu tun getraut hat. Auch weil der das Gefühl hatte, damit in einer Minderheit zu sein. Und wenn es jetzt andere und mehr sind, dann werden auch weitere Menschen in diese Richtung ermutigt. Wir dürfen aber auch nicht vergessen: Die große, leider schweigende Mehrheit ist nicht antisemitisch. Das sollte man klar festhalten.

Viele jüdische Einrichtungen in Deutschland müssen von der Polizei geschützt werden. Glauben Sie, dass jüdisches Leben hier in Zukunft ohne Polizeischutz möglich ist?

Ich hoffe es. Im Moment fehlt mir aber ein bisschen der Glaube daran.

Was muss geschehen, damit das möglich wird?

Es muss sich in der breiten Öffentlichkeit die Meinung durchsetzen, dass jüdisches Leben zu Deutschland gehört. Häufig wird das Judentum in Deutschland als etwas Fremdes, Exotisches betrachtet, was es eben nicht ist und nicht sein darf. Und das jüdische Leben in Deutschland ist nicht erst nach 1990 entstanden, sondern existiert seit über 1.700 Jahren und hat das Land geprägt.

Werden Sie auch selbst angefeindet?

Zumindest körperliche Anfeindungen sind in meinem Amt weitgehend ausgeschlossen. Der Präsident des Zentralrats hatte schon immer Personenschutz, nicht erst in den vergangenen Jahren. Insofern bin ich da nicht repräsentativ. Ich merke aber an den Zuschriften, die uns erreichen, insbesondere in anonymen E-Mails, dass der Antisemitismus zugenommen hat.

Ihre Eltern sind von den Nazis vertrieben worden, Ihre Großeltern wurden im Holocaust ermordet. Was macht es mit Ihnen persönlich, wenn Sie erleben, dass der Antisemitismus wieder um sich greift?

Ich bin seit meinem zweiten Lebensjahr in Deutschland, ganz konkret in Würzburg. Ich fühle mich als Würzburger, also auch als Franke, Bayer, Deutscher. Natürlich habe ich ein Problem damit, wenn in manchen Zuschriften Bemerkungen kommen, die infrage stellen, dass ich Deutscher bin. Ich kann meinen Stammbaum väterlicherseits auf 500 Jahre im hessisch-fränkischen Grenzgebiet zurückführen. Ich frage dann gerne, wie lange die Verfasser dieser Zuschriften ihren eigenen Stammbaum auf deutschem Boden zurückverfolgen können. Eine Antwort darauf habe ich bisher noch nie erhalten.

Herr Schuster, vielen Dank für das Gespräch!

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