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Bunker in Berlin werden kriegsbereit gemacht: Kritik an der Bundesregierung

2 days ago 2

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 Wie Schutzräume zukünftig aussehen sollen, ist noch unklar.Vergrößern des Bildes

Bunkertür: Wie Schutzräume zukünftig aussehen sollen, ist noch unklar. (Quelle: Julian Alexander Fischer)

Deutschland wappnet sich für einen russischen Angriff. Allerdings gibt es kaum Schutzräume. Ein Berliner Verein nimmt das nun selbst in die Hand.

Plötzlich ist das Licht aus. Doch stockdunkel ist es nicht. Vereinzelte Pfeile in fluoreszierenden Farben strahlen an den Wänden. Sie sollen Orientierung geben und die Wege zum Ausgang und zu den Toiletten zeigen. Für den Moment sind sie die einzigen Anhaltspunkte, um sich zurechtzufinden. Tageslicht ist weit entfernt, denn der Raum befindet sich mehrere Meter tief unter der Erde – in einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg.

Doch Grund zur Panik gibt es nicht, eine U-Bahn donnert nicht weit entfernt vorbei. Der Berliner Bahnhof Gesundbrunnen liegt gleich in der Nähe, hier läuft der Betrieb normal weiter. Es ist keine Krisensituation – das Licht bleibt hier absichtlich aus. Und schon im nächsten Raum ist es wieder hell.

Mit ruhiger Stimme erklärt Kay Heyne: "Hier kann man gut sehen, wie die Leuchtfarbe funktioniert." Heyne ist Betriebsleiter des Vereins Berliner Unterwelten, der aktuell rund 20 Bunkeranlagen in der Hauptstadt angemietet hat – eigentlich, um hier die Vergangenheit aufzubereiten. Doch nun wird der Verein mit der Gegenwart konfrontiert.

Berliner Unterwelten rüsten zwei Bunker um

Denn die Gefahr von Bomben und Raketen, vor denen die Bevölkerung in Deutschland Schutz suchen muss, scheint plötzlich wieder greifbar. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine Anfang 2022 stellen sich Gesellschaften in ganz Europa die Frage: Wie schützen wir uns, wenn Russland auch hier angreift?

Berliner Unterwelten

Der Verein Berliner Unterwelten wurde 1997 gegründet, um die geschichtlichen Zusammenhänge des Berliner Untergrundes zu erforschen und zu dokumentieren. Er bietet Führungen durch zahlreiche ehemalige Bunker, Fluchttunnel und U-Bahnanlagen in der Hauptstadt, die im vergangenen Jahr von über 326.000 Menschen besucht wurden.

Insbesondere Deutschland hat viel aufzuholen. Während andere Länder über eine gute Infrastruktur und ausreichend Bunkerkapazitäten verfügen, hat Deutschland dieses Thema in den vergangenen Jahrzehnten sträflich vernachlässigt. Seit dem Ende des Kalten Krieges verschwanden Bunker aus dem öffentlichen Interesse, 2007 entschied die Bundesregierung, die vorhandenen Zivilschutzräume schrittweise zu entwidmen. Heute gibt es schätzungsweise noch 480.000 Plätze in Schutzräumen – für 83,4 Millionen Menschen. Doch bisher fehlt es an politischen Lösungen, wie diesem Problem begegnet werden kann.

Die Berliner Unterwelten haben sich deshalb entschieden, selbst aktiv zu werden. Sie rüsten derzeit zwei alte Bunker um, damit sie zukünftig Menschen Schutz bieten können. Ein ehemaliger Operationsbunker in der Teichstraße in Berlin-Reinickendorf und diese Anlage unter dem Blochplatz in Gesundbrunnen sind ein erster Versuch, auszuprobieren, was es für den Zivilschutz braucht.

900 Personen finden Platz – doch vieles ist unklar

Betriebsleiter Heyne betritt einen kleinen länglichen Raum, diesmal macht er den Lichtschalter an. Und sofort werden 900 schwarze Klappstühle sichtbar. Dahinter stapeln sich weiße und blaue Fünf-Liter-Wasserkanister.

Nichts davon wurde bisher benutzt. Die Stühle sind in Plastikfolien verpackt, die Kanister sind noch leer. Denn im Gegensatz zum Großteil des restlichen Bunkerinventars, das aus der Nutzung im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg stammt, sind die Stühle und die Kanister Neuanschaffungen.

Ein Sitzplatz und Wasserversorgung: Das soll vorerst ausreichen, um 900 Personen im Krisenfall zumindest ein paar Stunden zu schützen, so das Vorhaben der Berliner Unterwelten. Bei der Dauer und Zahl handelt es sich bisher allerdings lediglich um Schätzungen des Vereins. Denn auch viereinhalb Jahre nach Beginn des Ukraine-Krieges gibt es vonseiten der Bundesregierung noch keine Kriterien, wie ein Schutzraum in der aktuellen Zeit auszusehen habe und welche Kriterien er erfüllen muss. Wie viel Platz braucht eine Person? Wie lange soll ein Aufenthalt dauern?

Deutliche Kritik an der Bundesregierung

Heyne fordert: "Die Politik muss vorangehen." Es brauche klare Definitionen, welchen Standards ein Platz in einem Bunker genügen müsse und wie lange Menschen dort im Zweifelsfall bleiben sollen. Dabei mangele es bei den Berliner Unterwelten nicht an Fachkenntnis. Heyne selbst habe ebenso wie andere Vereinsmitglieder 2004 die bisher letzten Lehrgänge für Schutzraumbetrieb beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) absolviert. "Wir wissen, wie man einen Schutzraum betreibt."

Zwar sei man mit dem Innenministerium ebenso wie mit der Stadt Berlin in Kontakt, Konkretes habe man bisher aber nicht erfahren. Dabei wollte das Innenministerium eigentlich ein nationales Schutzraumkonzept erarbeiten. Auf Anfrage von t-online betonen Innenministerium und das BBK, das Konzept sei bereits erarbeitet, derzeit werde es noch mit den Ländern abgestimmt. Zudem erklärt ein Sprecher: "Zur Identifizierung geeigneter Räume hat eine Arbeitsgruppe unter Beteiligung von Bund und Ländern einen Kriterienkatalog erstellt."

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Den Katalog kennt Heyne noch nicht. Für ihn geht alles zu langsam: "Das hätte längst fertig sein müssen. Der Krieg in der Ukraine dauert bereits länger als der Erste Weltkrieg." Das sieht auch Henning Goersch so. Der Professor für Gefahrenabwehr und Bevölkerungsschutz sagt: "Ich kann mir nicht erklären, warum das so lange dauert." Das BBK betont derweil lediglich: "Der Bund hält am übergeordneten Ziel fest, bis 2029 zivilverteidigungsfähig zu sein."

Die Belüftungsanlage stammt aus dem Jahr 1982

Heyne geht weiter in den nächsten Raum. Dieser ist leer bis auf eine Konstruktion aus grauen Rohren an der rechten Wand. Dahinter prangt eine Karte mit der Aufschrift "Raumlufttechnische Versorgung in Schutzräumen". Darunter sind sämtliche Räume des Bunkers abgebildet. Mit Linien aus roten Punkten wird dargestellt, wie die Leitungen mit frischer Luft die Räume erreichen.

Im Moment ist die Belüftungsanlage ausgeschaltet. "Im normalen Betrieb helfen wir uns mit Luftzirkulation", sagt Heyne und deutet auf einen Ventilator in der Ecke. Dieser reiche bei kleineren Menschengruppen aus, sei aber auch wichtig für den Erhalt der Substanz. Denn wenn die Luft nicht zirkuliert, kommt schnell der Schimmel. Dass die Belüftungsanlage ausgeschaltet ist, hat zwei Gründe: die hohen Stromkosten und das hohe Alter der Konstruktion.

Denn die Anlage stammt aus dem Jahr 1982. Es ist unklar, wie lange und wie gut das System Menschen in einem verschlossenen Bunker mit frischer Luft versorgen könnte. Auch eine Notstromversorgung existiert bisher nicht. Solarpanels über dem Bunker seien eine Möglichkeit, sagt Heyne. Doch: "Für solche Investitionen brauchen wir öffentliche Gelder. Das können wir nicht alleine stemmen."

Der Bund hält sich aber bedeckt, inwiefern hier Gelder investiert werden sollen. Zwar kündigte Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) im Frühjahr den "Pakt für Zivilschutz" an und stellte zehn Milliarden Euro bereit. Diese sollen aber vor allem für Fahrzeuge des Technischen Hilfswerks, den Kauf von 110.000 Feldbetten und die Überarbeitung der Warn-App "Nina" mit Informationen zur Lage der nächsten Bunker ausgegeben werden.

Für Heyne ist das Paket grundsätzlich ein "wichtiger Schritt", insbesondere die Stärkung des THW. Bei der App werde aber der dritte Schritt vor dem ersten gemacht. Schließlich gebe es nicht einmal auf dem Papier eine Übersicht über die nächstgelegenen Bunkerstandorte.

Wo kommen die Menschen unter?

Dabei bleibt auch die Frage offen, wie Platz für die 83,4 Millionen Menschen in Deutschland geschaffen werden soll. Allein in Berlin scheint die Lücke riesig zu sein. Die Berliner Unterwelten können nach eigenen Angaben ungefähr 10.000 Plätze in zehn Bunkern bereitstellen. Eine geringe Zahl angesichts der 3,9 Millionen Einwohner der Hauptstadt.

Allerdings geht die Bundesregierung nicht davon aus, dass der gesamten Bevölkerung Schutz gewährt werden muss. Im Konzept Zivile Verteidigung von 2016 werden Länder angewiesen, bei Katastrophen für ein Prozent der Wohnbevölkerung Aufnahmemöglichkeiten bereitzustellen.

(Quelle: Henning Goersch)

Zur Person

Henning Goersch ist Professor für Gefahrenabwehr und Bevölkerungsschutz an der FOM Hochschule für Ökonomie und Management in Essen. Dort leitet er auch die Forschungsgruppe Gefahrenabwehr. Zudem ist er unter anderem als Gutachter für das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe tätig.

"Kommt es zu ähnlichen Angriffen wie in der Ukraine, benötigen wir keine Bunker wie im Kalten Krieg", erklärt Experte Goersch. Schutz vor extremen mechanischen Belastungen, Bränden, Trümmern sowie die Installation aufwendiger Belüftungs- und Filteranlagen seien heute nicht mehr notwendig.

Ein Flur kann ausreichen

Atomare, biologische oder chemische Waffen gelten im aktuellen Kriegsszenario nicht mehr als wesentliche Bedrohung. Daher reiche in vielen Fällen bereits ein innenliegender Raum mit zwei Wandschichten zur Außenwelt, beispielsweise ein Flur. Dort seien Menschen im eigenen Zuhause relativ sicher.

Werden Menschen unterwegs von einem Angriff überrascht, könnten vor allem Tiefgaragen guten Schutz bieten, sagt Heyne von den Unterwelten. Die Berliner U-Bahn-Stationen seien hingegen weniger geeignet: "Die liegen oftmals zu dicht unter der Erde und haben direkte Verbindungen zur Straße." Das dämpfe eventuelle Druckwellen nicht genug ab. Auch oberirdische Parkhäuser seien so nicht brauchbar.

Ein vollständiger Schutz für alle Berliner sei aber auch nicht das Ziel des Vereins. "Wir wollen, dass wir gesellschaftlich vorankommen und auf das Thema aufmerksam machen", betont Heyne. Bisher gebe es zu wenig Aufklärung in der Gesellschaft, findet er.

Denk- und Zivilschutz miteinander vereinbaren

Auf dem Weg zurück zum Eingang läuft Heyne durch einen großen Raum, in dem mehrere lange Bänke stehen, auf denen gerade eine Schulklasse Platz nimmt. Vor ihnen steht ein Kollege von Heyne an einer großen Schautafel und erzählt, wie der Bunker im Zweiten Weltkrieg genutzt wurde. Um die Bänke herum sind Vitrinen mit Fundstücken aus dieser Zeit ausgestellt.

Das alles soll nicht verschwinden, wenn der Bunker tatsächlich im Krisenfall gebraucht wird. Heyne erklärt: "Wir wollen Zivilschutz ermöglichen, aber gleichzeitig auch den Denkmalschutz nicht verlieren." Das sei manchmal ein schmaler Grat. Denn bauliche Veränderungen dürfe es nicht geben. Schließlich liegt der Schwerpunkt des Vereins noch immer auf der Erforschung und Bewahrung der Historie. Das bedeutet aber nicht, die aktuelle Situation zu ignorieren. Dafür haben die Unterwelten extra die Vereinssatzung geändert. Nun ist der Zivilschutz ebenfalls Ziel des Vereins. Und so versucht man weiterhin, beides miteinander zu vereinbaren – die Vergangenheit und die Gegenwart.

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