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Japan und die USA: "Sie hat kapiert, wie Trump tickt"

11 hours ago 2

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Historiker Christopher Harding

"Für die Japaner ist die Lage heikel"


13.09.2026 - 10:20 UhrLesedauer: 9 Min.

 Die japanische Premierministerin hat Trumps Denkweise verstanden, sagt Historiker Christopher Harding.Vergrößern des Bildes

Sanae Takaichi und Donald Trump: Die japanische Premierministerin hat Trumps Denkweise verstanden, sagt Historiker Christopher Harding. (Quelle: Evelyn Hockstein/reuters)

Deutschland ist immer wieder Zielscheibe von Donald Trump, aber auch Japan leidet unter der Unberechenbarkeit des US-Präsidenten. Historiker Christopher Harding erklärt, wie Japan tickt.

Japan und Deutschland teilen eine Gemeinsamkeit: Beide Länder sind enge Verbündete der USA, doch in Zeiten von Donald Trump wanken alte Gewissheiten. Nur hat Japan nicht allein Russland als unruhigen Nachbarn, sondern auch China und Nordkorea. Sicherheit ist daher ein wichtiges Gebot. Japans Premierministerin Sanae Takaichi habe aber eine wichtige Tatsache über Donald Trump erkannt, sagt Christopher Harding, Historiker und Japan-Experte.

Wie abhängig ist Japan in seiner Sicherheit von den USA? Warum isolierte sich das Inselreich über Jahrhunderte? Und welche wichtigen Wegmarken gibt es in Japans Geschichte auf dem Weg ins 21. Jahrhundert? Diese Fragen beantwortet Christopher Harding, Autor des Buches "Die kürzeste Geschichte Japans" im Gespräch.

t-online: Herr Harding, sowohl Japan als auch Deutschland haben es nicht leicht: Beide Länder sind beim Thema Sicherheit auf die USA angewiesen und nun den Launen Donald Trumps mehr oder weniger ausgeliefert. Wie ist die Situation in Japan?

Christopher Harding: Für die Japaner ist die Lage heikel. Denn es ist nicht einfach, Donald Trump zu managen. Aber Japan braucht die USA, um sich zu schützen. Und das wird auch noch lange Zeit so bleiben, selbst wenn die Premierministerin Sanae Takaichi nun darauf hinarbeitet, die Fähigkeiten Japans zur militärischen Abschreckung auszubauen.

Mit China, Nordkorea und Russland hat Japan gleich drei aggressive Mächte als Nachbarn.

Da ist Japans Lage wenig beneidenswert. Eigentlich ist Japan für die USA auch ein wichtiger Partner und Verbündeter. Nicht umsonst gilt das Inselreich als "größter Flugzeugträger" der Welt wegen der zahlreichen US-Militärstützpunkte dort. Aber Trump gilt eben als unberechenbar.

Zur Person

Christopher Harding, geboren 1978, ist Kulturhistoriker und Experte für Japan und Indien. Harding lehrt asiatische Geschichte an der University of Edinburgh, schreibt unter anderem für "The Guardian" und "The New York Times" und betreibt den Blog "Japan & the World". Im März 2026 erschien Hardings Buch "Die kürzeste Geschichte Japans" bei Ullstein.

Das musste auch Südkorea vor nicht allzu langer Zeit erfahren: Trump lobte den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un, während er Manöver zwischen den US-Streitkräften und der südkoreanischen Armee kritisch sieht.

Das ist Japans große Sorge. Deswegen geht Japan auch sehr, sehr vorsichtig mit Trump um. Alles in der Hoffnung, dass sich die Beziehungen in Zukunft wieder entspannen werden. In der Beziehung zwischen Japan und Donald Trump gibt es übrigens eine interessante Tatsache: Es geht nur um Persönlichkeiten. Shinzō Abe, Japans am längsten amtierender Premierminister und Mentor von Sanae Takaichi, pflegte seinerzeit eine hervorragende Beziehung zu Donald Trump. Das war eine Art Golfspiel-Buddy-Geschichte, aber sie hat bestens funktioniert. Takaichi versucht nun daran anzuknüpfen, denn sie hat kapiert, wie Trump tickt.

Aber werden die USA nicht auch nach Trump womöglich ein unsicherer Verbündeter bleiben?

Diese Gefahr besteht. Deswegen wird Japan sicher viel mehr in die eigene Sicherheit investieren. Das ist kein einfacher Weg, denn nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt das Land eine pazifistische Verfassung. Diese wurde tatsächlich von den Vereinigten Staaten während ihrer Besatzung Japans durch die Alliierten verfasst.

Wie Sie in Ihrem Buch "Die kürzeste Geschichte Japans" beschreiben, sind die Beziehungen zu anderen demokratischen Staaten in dieser Weltregion – wie Südkorea – aufgrund des japanischen Kolonialismus und zahlreicher Kriegsverbrechen bis heute belastet.

Es wäre wirklich gut, wenn Japan und Südkorea ihre bilateralen Beziehungen verbessern könnten. Tatsächlich beruht ein Großteil der Probleme zwischen beiden Ländern auf der japanischen Kolonisierung Koreas und dem Zweiten Weltkrieg: Eines der schlimmsten Verbrechen war die massenhafte sexuelle Versklavung koreanischer Frauen durch das japanische Militär. Es braucht seitens Japans mehr Aufarbeitung und den Willen zur Verständigung. Doch der Revisionismus ist bis heute leider stark im japanischen Konservatismus. Es ist umso bedauerlicher, als dass beide Länder im Grunde viel gemeinsam haben. Darunter auch die Nähe zu Russland, China und Nordkorea.

Was ist Ihre Empfehlung, um Japan besser zu verstehen?

Der Blick auf die Landkarte ist da hilfreich, gerade, um Japans Geschichte besser zu verstehen, die eine große Rolle in Gesellschaft und Kultur spielt. Japan hatte sich über Jahrhunderte weitgehend von der Außenwelt isoliert, erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat es sich dann mehr für westlichen Handel, westliche Diplomatie und andere Dinge geöffnet.

Das geschah allerdings nicht freiwillig. 1853 erzwang ein US-Flottengeschwader unter Kommodore Matthew Calbraith Perry die Öffnung japanischer Häfen.

Richtig. Damals fragten sich zahlreiche japanische Politiker und Intellektuelle, in welche Richtung Japan seine Zukunft nach dieser Machtdemonstration suchen sollte. In Asien? Im Westen? Damals war allgemeine Überzeugung, dass Asien in vielerlei Hinsicht hinterherhinkte, gerade auch in wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht. Besonders China war ziemlich schwach in dieser Zeit.

Japan entschied sich für eine westliche Modernisierung – und wurde anschließend wie europäische Staaten und die USA – zu einer imperialistischen Macht.

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Japan erwarb etwa Korea und Taiwan, im Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05 gelang es den Japanern dann, mit Russland eine europäische Großmacht zu besiegen. Das trug Japan großen Respekt ein, immerhin blieb es im Zeitalter des Imperialismus eine selbstständige Nation. Aber da Japan selbst eine aggressive Kolonialmacht wurde, war es für kolonisierte Länder keineswegs ein Vorbild.

Blicken wir zunächst noch etwas weiter zurück in die Geschichte Japans: Vor mehr als 30.000 Jahren dürften die ersten Menschen die Inselgruppe erreicht haben, in Ihrem Buch schildern Sie die lange Geschichte Japans seitdem auf knapp 270 Seiten. Wie schwer war das?

Das war eine Herausforderung. Sie bestand vor allem in der Auswahl, was ins Buch hineinsollte. Ich wollte mich auf die Zeitpunkte konzentrieren, in denen sich in Japan etwas radikal verändert hat. Das betrifft vor allem Politik, Gesellschaft und Kultur.

Woher stammt Ihr persönliches Interesse an Japan?

Aufgewachsen bin ich in den Neunzigern. Da interessierte ich mich für viele Dinge – und sie stammten meist aus Japan. Nintendo, Manga, Anime. Obendrein bin ich katholisch erzogen worden. Als ich den Zen-Buddhismus kennenlernte, übte das Faszination auf mich aus. Es schien, als gäbe es dort keine große Autorität im Gegensatz zum Katholizismus. Beim Zen-Buddhismus geht es um Stille. Als ich dann an der Universität einige überaus liebenswürdige Japaner kennenlernte, war mein Interesse endgültig geweckt.

Japans Geschichte ist lang. Welche Phasen würden Sie als entscheidend bezeichnen?

Es gibt drei große Phasen, um es an dieser Stelle überschaubar zu halten. Die erste reichte bis in Jahr 1200, als Japan eine imperiale Gesellschaft war, also von einem Kaiser und Aristokraten in Kyoto regiert wurde. Die nächste Periode reichte bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Phase, in der es den Tennō noch gab, aber die wahre Macht in den Händen der Samurai lag. In der dritten Phase befinden wir uns noch heute, und zwar wird Japan von zivilen Politikern regiert. Das ist nun grob eingeordnet, wir dürfen die Rolle der Militärs vor und im Zweiten Weltkrieg nicht unterschätzen.

Japan und seine Gesellschaft werden oft als überaus traditionell und fast statisch wahrgenommen. Das dürfte ein Klischee sein?

Das ist es. Wenn wir uns ins Jahr 1000 denken, zu der Zeit, in der der in Japan bis heute berühmte Roman "Genji Monogatari" entstand, dann treffen wir auf ein idyllisches aristokratisches Hofleben. Wenige Jahrhunderte später findet sich Japan als eine der blutigsten Gesellschaften der Erde wieder, in der die Samurai sehr leicht ein Leben auslöschen konnten. Wie kann das ein und dasselbe Land sein? Diese Frage hat mich auch in meinem Buch interessiert.

Seit dem 17. Jahrhundert schottete sich Japan dann stark nach außen ab, das Christentum wurde verfolgt. Wie kam es dazu?

1494 haben die Spanier und Portugiesen die Welt sozusagen unter sich aufgeteilt. Japan fiel in den Bereich Portugals, die Japaner hat niemand nach ihrer Meinung gefragt. Das Inselreich war für die Portugiesen auch sehr interessant, denn in China gab es eine große Nachfrage nach japanischem Silber, in Japan war andererseits chinesische Seide gefragt. Die beiden Länder handelten aber nicht direkt miteinander.

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Da kamen die Portugiesen als Zwischenhändler ins Spiel.

Genau. Und mit ihnen kamen christliche Missionare, die in Japan zahlreiche Menschen bekehrten. Vor allem auf der südlichen Insel Kyushu, wo eine Stadt liegt, die jeder heute kennt: Nagasaki. Zu dieser Zeit befand sich Japan allerdings in einer Ära großer Bürgerkriege. Am Ende stand das Shogunat, das wohl allen Lesern des britischen Romanautors James Clavell bekannt ist.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte eine Serie über Clavells entsprechenden Roman "Shogun" von 1975 großen Erfolg.

Clavell schildert die Umstände recht anschaulich. Allerdings mit dem verfremdenden Stilmittel des Romans. Am Ende der Bürgerkriege stand schließlich die Entscheidung, dass es eine Art Unvereinbarkeit zwischen Christentum und Japan gäbe. Das war insbesondere eine Frage der politischen Loyalität der katholischen Christen, denn diese gehörte ja auch dem Papst in Rom. Die Folge war, dass alle Europäer Japan verlassen sollten. Abgesehen von den Niederländern, denn diese missionierten nicht. Das Christentum wurde in Japan zudem unterdrückt, auch durch Hinrichtungen, Folter und Kreuzigungen.

Wie ist generell der japanische Blick auf den Westen?

Im 17. Jahrhundert herrscht die Ansicht vor, dass die Europäer sich zu stark in japanische Angelegenheiten einmischen und das Gleichgewicht stören würden. Daher auch diese Abschottung, die fast vollständig war. Diese Ansicht wurde bestätigt, als das Amerikaner 1853 mit ihren Kriegsschiffen vor Japan erschienen.

Wie hat es Japan im Gegensatz zu zahlreichen anderen Gebieten der Welt geschafft, nie von den Europäern oder Amerikanern kolonisiert zu werden?

Japan war zur Zeit der modernen Imperien nicht von großem Interesse. Es hat kaum Rohstoffe, andere Länder wie Indien waren den Briten etwa viel wichtiger. Auch strategisch war Japan damals nicht so wichtig. Erst als die Amerikaner ihre Westküste in Besitz nahmen, wurde Japan bedeutsamer. Denn in gewisser Weise waren Japan und die USA nun "Nachbarn". Die Japaner beobachteten auch, wie unzureichend China auf die imperialen Mächte reagierte, die dort zunehmend Einfluss ausübten. Deshalb beschloss Japan nach der Machtdemonstration durch Kommodore Perry 1853 diese schnelle Modernisierung des Landes. Es wurde zentralisiert, industrialisiert, eine moderne Armee aufgebaut. Diese orientierte sich übrigens stark an Preußen. Das alles gelang binnen weniger Jahrzehnte.

Warum avancierte Japan aber nach langer Isolation zu einer derart aggressiven Macht, wie es die Europäer gewesen sind?

Die japanische Sicht auf die Welt war damals von Pessimismus geprägt, man hielt die Welt für einen überaus gefährlichen Ort. Um die eigene Sicherheit zu erhöhen, ging Japan auf Expansionskurs. Dass gerade dieser Kurs wiederum die eigene Unsicherheit erhöhte, ging den wenigsten auf. Dazu kommen imperialistische, nationalistische und, ja, auch rassistische Elemente. Das ist wiederum eine Erklärung für die Kriegsverbrechen, die Japan im Japanisch-Chinesischen Krieg und Zweiten Weltkrieg begangen hat.

Wie veränderte sich Japan nach dem Zweiten Weltkrieg, zu dessen Ende zwei amerikanische Atombomben Hiroshima und Nagasaki zerstörten?

Sowohl die Amerikaner als auch viele japanische Intellektuelle wollten damals verstehen, wie das japanische Projekt, das im späten 19. Jahrhundert so gut und vielversprechend begonnen hatte, in den 1930er- und 1940er-Jahren so aus der Bahn geraten konnte. Auf Grundlage dieser Diagnose wollten sie Japan neu gestalten. Das geschah etwa durch die Entmachtung des Tennōs. Eine zweite Änderung bestand darin, das japanische Volk zum eigentlichen Souverän zu machen. Wir dürfen auch die Einhegung des Militärs nicht vergessen: Japan darf bis heute nur Selbstverteidigungsstreitkräfte unterhalten.

Japan wurde seit Kriegsende 1945 auch in mancher Hinsicht amerikanisiert – gerade im kulturellen Bereich. Teile der japanischen Kultur sind heute rund um den Globus populär.

Dafür zeichnen Künstler wie Osamu Tezuka und Hayao Miyazaki verantwortlich. Bei einigen der wichtigsten Manga- und Anime-Künstler gibt es eine Verbindung zwischen Zweitem Weltkrieg und dieser Popkultur. Beide Männer waren stark von der Erinnerung an den Aufstieg des Autoritarismus in Japan geprägt: Beide wollten, dass ihre Arbeit, ihre Kunst, besonders jungen Japanern, jungen Menschen, die Realität des menschlichen Lebens nahebringt. Und zwar unter anderem die Erkenntnis, dass Erwachsene korrupt und böse sein können, dass sie zu schrecklichen Dingen imstande sind.

Ist es dieser Ansatz, der Mangas und Animes so erfolgreich machte?

Nichts gegen Donald Duck und Co., aber das sind Comics, die einfach Spaß machen sollen. Viele japanische Animes sind hauptsächlich für Kinder gemacht, aber sie nehmen Kinder viel, viel ernster. Und zwar als intelligente und sensible Menschen. Mangas und Animes sind der Versuch, mit den Kindern auf hohem Niveau zu kommunizieren.

Donald Trump gilt wiederum nicht als großer Leser. Was ist seine Ansicht über Japan?

Sie dürfte seiner Meinung über Deutschland gleichen. Trump ist ein Kind der 1980er-Jahre, einer Zeit, als die Amerikaner Japan als ein großes und reiches Land wahrgenommen haben. Für Trump war das aber nur möglich, weil die Amerikaner den Schutz Japans übernommen hatten. Die USA zahlten also, während japanische Unternehmen wie Sony oder Mitsubishi den US-Unternehmen überlegen wurden.

Das lässt nichts Gutes ahnen, oder?

Trump hat einen transaktionalen Charakter. Sanae Takaichi ist das sehr bewusst. Ich denke, sie wird ihn zu nehmen wissen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Harding.


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Verwendete Quellen

  • Persönliches Gespräch mit Christopher Harding via Videokonferenz

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