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Star-Autor T.C. Boyle über USA und Trump: "Gibt einen Funken Hoffnung"

2 days ago 3

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Starautor T.C. Boyle

"Es gibt immerhin einen Funken Hoffnung"


20.07.2026 - 11:37 UhrLesedauer: 8 Min.

 Starautor T.C. Boyle hofft auf die Zukunft nach Trump.Vergrößern des Bildes

Donald Trump: Starautor T.C. Boyle hofft auf die Zukunft nach Trump. (Quelle: LINDSAY DEDARIO/reuters)

Klimakrise, Tod und Trump: In seinem neuen Buch widmet sich T.C. Boyle existenziellen Themen. Im Interview erklärt der amerikanische Starautor, was er sich nach Donald Trump erhofft.

Grönland ist die größte Insel der Welt – und wohl das Objekt der Begierde für Donald Trump. Aber wird der US-Präsident so weit gehen und sich die Insel holen? T.C. Boyle, US-Schriftsteller und scharfsinniger Beobachter unserer Gegenwart, hat eine seiner neuen Kurzgeschichten in einer Zukunft angelegt, in der Grönland den USA gehört. Wie furchtbar eben diese Zukunft ist, erklärt T.C. Boyle im Interview.

Trump ist aber nicht das einzige Thema in Boyles neuem Buch "Das Ende ist nur ein Anfang". Warum sollten wir in Zeiten der Klimakrise ein gutes Verhältnis zu unseren Nachbarn pflegen? Weshalb ist ein menschenfressender Tiger in Zeiten globaler Umweltzerstörung nicht nur Täter, sondern Opfer? Und warum hat Boyle die Hoffnung für die Zukunft der USA noch nicht aufgegeben? Diese Fragen beantwortet der Amerikaner im Gespräch.

t-online: Herr Boyle, finden Sie Donald Trump eigentlich lustig?

T.C. Boyle: Überhaupt nicht. Warum fragen Sie?

Weil Sie ihn in Ihrem neuen Buch auf die Schippe nehmen: Ihre Kurzgeschichte "2036" spielt in einer Zukunft, in der Trump Grönland tatsächlich den USA einverleibt hat.

Die Exzesse unseres Regimes sind mittlerweile reif für die Satire. Als ich diese Geschichte vor mehr als einem Jahr schrieb, dachte ich, dass sie ziemlich schnell veraltet wäre. Aber eigentlich ist sie heute noch relevanter als damals.

Die Zukunft, die Sie in "2036" beschreiben, ist erschreckend. Ihr Protagonist landet in einem Umerziehungslager, wo er Trumps gesammelte "Weisheiten" auswendig lernen muss.

Am Ende wartet dann ein Test. Wer den nicht besteht, bleibt eingesperrt und muss weitermachen. Was die Insassen zu lernen haben, ist in meiner Geschichte auch nicht ohne. Trumps "Gesammelte Wahlkampfreden 2014–2036" müssen gepaukt werden. Das sind zehn Bände, jeder hat 500 Seiten. Aber nicht nur dort sind Zitate des Präsidenten zu finden, sondern auch an den Wänden der Anstalt: "Nicht denken, nur arbeiten", "Zölle sind schön". So ein Unsinn eben.

Zur Person

Tom Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill im US-Bundesstaat New York geboren, gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Gegenwart. Boyle ist Autor zahlreicher Romane, darunter der 2025 erschienene "No Way Home". Zudem schreibt der Amerikaner Kurzgeschichten, von denen gerade zwölf im Band "Das Ende ist nur ein Anfang" (Carl Hanser Verlag) veröffentlicht wurden.

Klingt furchtbar.

Das ist auch furchtbar. Trump hat an allem etwas auszusetzen, schuld an allem ist stets die Vorgängerregierung. Egal, wie lange deren Zeit auch schon abgelaufen ist.

Nun kommt Ihr Protagonist nicht durch fortgeschrittenes Wissen in "Trumpologie" aus dem Gefängnis frei, sondern durch eine Schandtat. Appellieren Sie an die Moral Ihrer Leser?

Die Leser meiner Geschichte werden hoffentlich meine Freude am Erzählen bemerken, sie werden – hoffentlich – über sie nachdenken, sie genießen und vielleicht auch darüber lachen. Was die Menschen betrifft, die das aktuelle Regime an die Macht gebracht haben: Sie lesen nicht, sie sind kulturfeindlich. Was aber Ihre Frage betrifft: Ich schreibe nicht, um die Welt zu verändern, sondern um mich auszudrücken. Ich will Kunst machen, Kunst teilen und in der Freude an der Kunst leben.

Ihre Bücher und Kurzgeschichten greifen gleichwohl immer wieder wichtige politische, ökologische und gesellschaftliche Themen auf.

Ich verschieße immer wieder literarische Pfeile, manche betreffen die Politik, andere die Ökologie. Kunst tut uns allen gut, sie belebt uns und regt unseren Geist an. Aber sie hat es nicht leicht in diesen Tagen.

Inwiefern?

Zahlreiche Menschen denken nicht mehr an die Literatur. Sie gehen online oder schalten den Fernseher an. Für das geschriebene Wort wird es schwieriger. So viele sind so viel im Internet, in sozialen Medien, im Fernsehen – das ist sehr gefährlich in unserer Zeit. Wir sehen es doch in meinem Land.

Das klingt entmutigend.

Wir sollten uns nicht entmutigen lassen. Es gibt immer noch engagierte Leser da draußen, Menschen, die die Literatur schätzen und wissen, was sie leistet: Nämlich die Sätze einer Geschichte im Kopf des Lesers auf einzigartige Weise lebendig werden zu lassen. Das vermögen die sozialen Medien nicht.

Fast zu lebendig geht es in Ihrer neuen Kurzgeschichte "Der Menschenfresser" zu. Ein Tiger verbreitet darin Angst und Schrecken.

Diese Geschichte ist auf unterschiedliche Weise tragisch. Einmal für die betroffenen Menschen, dann aber auch für den Tiger. Warum greift er denn die Menschen an? Weil er in die Ecke gedrängt wird. Der Lebensraum der Tiger schmilzt und schmilzt dahin. Wir dürfen auch nicht vergessen: Für einen Tiger sind wir Menschen nichts anderes als ein weiteres Beutetier. So ist die Natur.

Vor allem sind wir Menschen aus der Sicht des Tigers die invasive Spezies.

Das ist der entscheidende Punkt. Als Kind liebte ich diese abenteuerlichen Geschichten über die Jagd auf den Menschenfresser. Als ich meine Kurzgeschichte nun geschrieben habe, legte ich Wert darauf, dass sie am Ende zu einer Geschichte über die Umwelt wird. Wir Menschen sind nicht nur eine invasive Spezies, sondern eine, die diesen Planeten radikal verändert. Und ganz sicher nicht zum Besseren.

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Der Planet geht vor die Hunde, die internationale Politik ist im Krisenmodus. Empfinden Sie die Lage eher als Komödie oder Tragödie?

Ich empfinde die Situation eher als Absurdität. Gerade was die Politik betrifft. Deshalb schreibe ich, um meine eigenen Welten zu formen, Welten, die ich kontrollieren kann. Während ich in dieser Welt, die außerhalb jeglicher Kontrolle liegt, lebe. Es ist alles so beängstigend und erschütternd. Andererseits bin ich ein glücklicher Mann.

In welcher Hinsicht?

Ich spaziere morgens mit dem Hund am Strand, ich bin mit einem neuen Roman beschäftigt und Frau Boyle liebt mich. Persönlich habe ich keinerlei Grund zu klagen. Aber das Klima bereitet mir Sorgen.

Sie leben in Kalifornien: Sind es die drohenden Waldbrände?

Das ist eine fürchterliche Gefahr. Uns droht ein Super-El-Niño. Ich weiß nicht, wie sich dieses Phänomen in Deutschland auswirkt, aber bei uns ist es schlimm. Wenn im Januar der Regen kommt, werde ich erleichtert sein.

Dürre und Feuer sind eine Gefahr, in Ihrer Geschichte "Kalter Sommer" droht eine ganze andere Bedrohung: Ein Milliardär von den Philippinen ermächtigt sich selbst zum obersten Klimaschützer und lässt seine Piloten riesige Mengen Schwefelsäure in der Stratosphäre versprühen.

Mit Wasserdampf hat sich die Schwefelsäure dann zu Sulfataerosolen verbunden, die die Erde beschatten. Das klingt zunächst gut, hat aber Folgen. Es wird nicht nur kälter, man bekommt etwa auch Probleme, wenn man sein Smartphone mittels Solarzellen laden will. Das ist der Rahmen der Geschichte, dabei geht es mir aber um eine andere Sache: Das Paar, von dem die Geschichte handelt, zog an einen abgelegenen Ort, um Abstand und Privatsphäre zu haben. Aber dann bekommen sie es mit dieser Krise zu tun. Es ist eiskalt, sie haben keinen Strom – und die Nachbarn sind sehr merkwürdig. Was tun? Diese Frage interessierte mich.

Wie viel Abstand halten Sie zu anderen Menschen?

Ich bin ein geselliger Typ, ich kenne jeden in meiner Gegend. Ich rede gerne mit den Leuten, alles ist großartig. Aber manchmal will ich auch niemanden sehen. Ein einsamer Strand, die Wälder, allein mit dem Hund, wo man niemandem begegnet. Das ist ein Privileg. Ich will es so ausdrücken: Zu viele Menschen machen einen verrückt, zu viel Einsamkeit aber auch.

Wie sind Ihre Gefühle gegenüber der Menschheit als Spezies?

Ich liebe meine Spezies. Auch wenn sie mich immer wieder zur Verzweiflung bringt.

Verzweifeln Sie manchmal an Geschichten?

Eigentlich nicht. Zahlreiche Autoren schreiben Romane, weil die Leser eher zu diesen Büchern als zu Kurzgeschichten neigen. Ich schreibe aber beides.

Was ist schwieriger?

Beides hat seine Vor- und Nachteile. Bei einem Roman weißt du, was du morgen früh tun wirst. Denn er braucht Zeit. Kurzgeschichten sind schneller geschrieben, aber du brennst dabei aus. Aber ich liebe sie. Auch weil ich darin viele Geschichten verarbeiten kann, die mir wichtig sind.

Hand aufs Herz: Wie viele Geschichten liegen unvollendet auf Ihrem Schreibtisch?

Null. Ich bin an dem Punkt angekommen, an dem ich innerhalb von ein oder zwei Absätzen weiß, ob ich eine Geschichte verfolgen will. Nehmen wir die Kurzgeschichte "Der Pool" aus meinem neuen Buch: Ein Paar will sich ein Haus kaufen, die Frau hat Angst, dass die Kinder im Pool ertrinken könnten. Der Ehemann beschwichtigt, keine Angst, da ist ein Zaun. Ab diesem Zeitpunkt schwebt ein unheilvoller Zauber über der ganzen Geschichte: Werden sie ertrinken oder nicht?

Wie kamen Sie auf diese Geschichte?

Die Rahmenhandlung ist mir nicht unbekannt. Ich habe auch einmal ein Haus mit Pool gekauft.

Was beim Lesen Ihrer neuen Kurzgeschichten auffällt: Der Tod kommt recht oft vor. Warum?

Nun bin ich kein großer Kenner meines Gesamtwerks. Aber der Tod tritt in meinen Büchern immer wieder auf, wohl öfter als der Sex. Beides ist Teil des Lebens. Ich betrachte es als Teil meiner Aufgabe, die Leute zu deprimieren, während sie gleichzeitig lachen.

Das beschreibt in gewisser Weise die US-Politik unter Donald Trump: Man könnte lachen, wenn es nicht so deprimierend wäre.

Es gibt immerhin einen Funken Hoffnung. Die Wahl im November könnte Trump das Repräsentantenhaus kosten. Vielleicht ist auch mehr drin. Wir müssen Trump das wichtigste Machtmittel nehmen. Er regiert ja nur mit Dekreten. Ohne sie wird es für ihn ziemlich schwierig. Ich hoffe nur, dass er nicht zu miesen Tricks greift. Zurzeit hat er den gesamten Kongress und den Obersten Gerichtshof, was er will, ist Gesetz. Das muss sich ändern.

Haben Sie Hoffnung?

Er wird die Bedingungen der Demokratie respektieren müssen. Ich will ganz sicher nicht, dass Trump 2036 noch Präsident ist. Das wäre dann doch zu viel der Satire.

Der Name Trump erscheint in ihrem aktuellen Buch kein einziges Mal. Ist das Absicht?

Sein Name erscheint doch andernorts oft genug. Ich möchte mich nicht von einer Sichtweise oder einem Regime fesseln lassen – aber ich muss mich darauf einlassen. In meinem Roman "No Way Home" blitzen immer wieder Details der Spaltung in meinem Land auf, aber sie bilden nicht den Rahmen der Handlung. Auch in meiner Kurzgeschichte "2036" nenne ich Trumps Namen nicht. Es wird ein Freudentag, wenn er endlich weg ist.

Grönland ist nahezu Trumps Fetisch geworden. Wird er sich die Insel noch holen?

Nicht, wenn wir es nach der Wahl im November verhindern können. Trump lebt seine Launen hemmungslos aus, er hat sie nur vor der Wahl 2024 gezügelt, weil er gewählt werden wollte.

Was ist Ihr Wunsch für eine Zukunft nach Trump?

Eine Welt, die nicht ständig unter seinen Krisen leidet, wird sich hoffentlich wieder mehr auf den Klima- und Umweltschutz konzentrieren. Ich persönlich möchte mich mehr mit Liebe, Freude, Gemeinschaft beschäftigen, ich möchte die Umwelt bewahren und die Schmetterlinge leben lassen. Was ich nicht will, ist ständig Kriege zu führen wegen des Egos eines Mannes und seines Wunsches, Reichtum anzusammeln.

Welche Geschichte aus "Das Ende ist nur ein Anfang" mögen Sie besonders?

Die Geschichte "Prinzessin" mag ich sehr. Eine ziemlich bekiffte junge Frau geht mitten in der Nacht in ein fremdes Haus, die Tür ist unverschlossen. Sie stiehlt nichts, es ist mehr wie in "Goldlöckchen und die drei Bären".

Wie kamen Sie ausgerechnet auf diesen Plot?

Exakt das ist meiner Schwägerin am Memorial-Day-Wochenende vor zwei Jahren passiert. Keine Angst, niemand wurde verletzt. Ich fand es spannend, die Perspektive dieses Mädchens literarisch auszuleuchten. Das ist doch so wichtig: uns in andere Menschen hineinzuversetzen.

Wie würde Ihr Rat an junge Schriftsteller lauten?

Wer Aufmerksamkeit in den Medien will, sollte seine Eltern töten, kochen und dann verspeisen. So weit ist es gekommen. Aber im Ernst: Wenn dir das Talent gegeben ist, Schriftsteller zu sein, und du das Glück hast, es zu entdecken, musst du es verfolgen. So wie es alle Autoren vor dir getan haben. Lies Bücher und Geschichten mit der gebotenen Tiefe, verwandle deine Gedanken in Sätze und entwickle deinen Stil. Die Welt braucht dringend gute Künstler.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Boyle.


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Verwendete Quellen

  • Persönliches Gespräch mit T.C. Boyle via Videokonferenz

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