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Dann liest er den vorbereiteten Text von Karteikarten ab
11.08.2026 - 12:30 UhrLesedauer: 6 Min.

Steffen Bilger: Der CDU-Politiker ist Deutschlands neuer Verkehrsminister. (Quelle: Marcus Brandt/dpa)
Als Ersatzkandidat ins Amt gerutscht, steht Steffen Bilger nun vor einem der schwierigsten Jobs in der Bundesregierung. Auf seiner Sommerreise holt den Verkehrsminister die Realität schnell ein.
Steffen Bilger lächelt viel. Er hört aufmerksam zu, nickt. Zum Beispiel, wenn ihm die Besatzung der "Scharhörn" im Hafen von Kiel erklärt, wie Mehrzweckschiffe wie ihres bei Havarien und Notfällen im Einsatz sind. Bilger, der neue Verkehrsminister, hat dann die Hände auf dem Rücken gefaltet und sagt: "Danke für Ihren Dienst." Und lächelt.
Seit gerade mal rund zwei Wochen ist Bilger Bundesverkehrsminister. Erste Wahl war er nicht, Bundeskanzler Friedrich Merz hatte eigentlich den CDU-Finanzpolitiker Fritz Güntzler für das Amt vorgesehen. Der sagte kurzfristig ab, die Kabinettsumbildung wurde zu einer beispiellosen Posse. Merz hat das alles mehr geschadet als geholfen. Verkehrsminister wurde am Ende der bisherige Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, Steffen Bilger.
Der Baden-Württemberger ist im Eiltempo in sein neues Amt gestartet. Ob Sofortmaßnahmen gegen Niedrigwasser, weniger Bonuszahlungen bei mangelnder Pünktlichkeit bei der Deutschen Bahn – Bilger hat in den vergangenen Tagen medienwirksam angekündigt und gefordert. Selbst bei der Drohnenabwehr hat sich Bilger, 47 Jahre alt, zu Wort gemeldet. All das mit einem Lächeln auf den Lippen. Freundlich und besonnen. Ja, fast ein bisschen unbedarft scheint das. Doch wer den stets nett wirkenden Schwaben unterschätzt, könnte sich täuschen. Ist er der neuen Herausforderung als Minister gewachsen?
Das Verkehrsministerium hat aktuell viel Geld zu verteilen. Insgesamt stehen in dieser Legislaturperiode rund 170 Milliarden Euro allein für Verkehrsinvestitionen bereit. Ein beachtlicher Teil kommt aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität. Klingt erst mal gut. Doch der Job bringt auch eine gefühlt endlose Liste an Problemen mit sich: Das Schienennetz der Deutschen Bahn ist sanierungsbedürftig. Straßen und Brücken sind marode. All das soll Bilger nun wieder auf Vordermann bringen, besser früher als später. Auf dem Ersatz-Minister lasten hohe Erwartungen, der Druck ist enorm. Denn die Menschen im Land, sie sind frustriert. Es ist eine Mammutaufgabe.
Bilger erbt Schnieders Sommerreise
Bilgers Vorgänger Patrick Schnieder war dieser Aufgabe nach Auffassung des Kanzlers offensichtlich nicht gewachsen. Warum genau der Zwei-Meter-Mann aus Rheinland-Pfalz, genannt "Eif(f)elturm", gehen musste, darüber erzählt so ziemlich jeder im Berliner Politikbetrieb etwas anderes. So genau weiß es vielleicht auch niemand. Oder mag es nicht sagen. Dass in Deutschland ein Minister mitten in einer Legislatur ausgetauscht wird, ohne mit einem handfesten Skandal aufgefallen zu sein, ist höchst ungewöhnlich.
Bilger jedenfalls will es besser machen als Schnieder, oder zumindest ganz anders. Er setzt zu Amtsantritt auf Omnipräsenz. Während Schnieder oft hölzern und behäbig wirkte, geriert sich Bilger als Macher. Doch auch in Bilgers Neustart steckt noch etwas Schnieder.
Zum Beispiel beim Treffen mit dem Havariekommando in Kiel. Den Termin hat Bilger von Schnieder geerbt. Bilger ist hier auf Sommerreise, absolviert also eine Reihe von Besuchen während der politischen Sommerpause, bei denen er sich über regionale Projekte und Anliegen informiert. Wie bei solchen Sommerreisen üblich ist auch bei Bilger ein Pressetross dabei. Zu der Reise hatte noch Schnieder eingeladen, Bilger musste kurzfristig übernehmen, das Programm wurde leicht angepasst.
Schon der Start der Reise produzierte Schlagzeilen: Bilger und sein Team machten sich von Berlin aus auf den Weg nach Hamburg. Der Minister wollte, ganz der freundliche Mann von nebenan, in der zweiten Klasse reisen. Daraus wurde nichts, die Klimaanlage in Bilgers ICE-Wagen fiel aus, er musste wohl oder übel in der ersten Klasse sitzen. Eine kleine Panne, die Spott auslöste. Ausgerechnet der Verkehrsminister wird unfreiwillig mit den Mängeln der Bahn konfrontiert, erlebt die Misere am eigenen Leib. Verspätung hatte der ICE dann auch noch – fehlendes Personal war der Grund. Am Ende kam der Zug trotzdem fast pünktlich in Hamburg an.
"Das wissen Sie vielleicht noch gar nicht"
In Pinneberg, einige Stunden später, will sich Bilger in einem Regionalzug von einem Zugbegleiter über die Sicherheit in Zügen informieren. Als der Bahnmitarbeiter schildert, wie er in der Vergangenheit von Fahrgästen angegriffen wurde, stellt Bilger Strafverschärfungen bei Gewalt gegen Bahnbeschäftigte in Aussicht. Der Minister wird regelmäßig unterbrochen von Durchsagen wie: "Es kommt leider zu Verzögerungen im Fahrtverlauf." Bilger lächelt es weg.
Bilger sagt dann Sätze wie: "Es dauert seine Zeit, bis die Infrastruktur so auf Vordermann gebracht wird, dass die positiven Effekte auch eintreten." Aber klar, man müsse schauen, ob in der Vergangenheit immer die richtige Strategie gewählt worden sei. Stichwort: Korridorsanierung. Dabei wird ein ganzer Streckenabschnitt auf einmal modernisiert, um den Betrieb langfristig zuverlässiger zu machen. Allerdings führen die Bauarbeiten kurzfristig zu Sperrungen und Umleitungen, die Reisende und den Güterverkehr stark belasten. Das müsse man sich angucken, sagt Bilger.
Kurze Zeit spät steht der neue Verkehrsminister nicht mehr in einem Regionalzug, sondern auf einem Schiff – der "Scharhörn". Der Kapitän und Vorsitzende der Bundeslotsenkammer scherzt: "Sie sind jetzt übrigens auch mein Dienstherr. Das wissen Sie vielleicht noch gar nicht." Bilger lächelt und schweigt. Der Neue, völlig planlos?
Gewiss nicht. Bilger war von 2018 bis 2021 parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Der Jurist hat zielstrebig Karriere in der CDU gemacht, trat als junger Mann in die Junge Union ein, wurde dort Landesvorsitzender. Im Jahr 2009 zog er als direkt gewählter Abgeordneter in den Bundestag ein, stieg in Fraktion und Partei immer weiter auf. Sicher nicht allein durch Freundlichkeit. Ohne Ehrgeiz und Strategie dürften die wenigstens in Bilgers Ämter stolpern.
Abgehobenheit oder die Härte des politischen Berlins versprüht Bilger mit seiner zugewandten Art allerdings nicht. Stattdessen blitzt manchmal fast Schüchternheit durch, eine unaufgeregte Zurückhaltung kann man es auch nennen. Etwa, wenn Bilger vor der "Scharhörn" steht und einen sorgsam vorbereiteten Text von den Karteikarten in seinen Händen abliest. Oder wenn er bei den diversen Präsentationen auf dem Schiff kaum Rückfragen stellt, sondern lächelt und nickt. Bilger ist in diesen Momenten keine Rampensau wie so viele seiner erfolgreichen Kollegen, er zeigt Präsenz, ohne offensiver Selbstdarsteller zu sein. Eine Kunst für sich.
Dass er souverän abliefern kann, zeigt Bilger gut 30 Autominuten entfernt. Er steht mit blauem Helm und orangefarbener Warnweste an der Baustelle des Ersatzneubaus der Rader Hochbrücke, die über dem Nord-Ostsee-Kanal ragt. Dort informiert er sich über den Stand der Bauarbeiten, fährt mit einem Schiff über den Kanal. Im Anschluss stehen TV-Interviews vor Brückenpanorama auf dem Programm. Bilger läuft in seinem Baustellen-Outfit geduldig von einer Kamera zur nächsten. "Noch zwei Minuten", ruft die Mitarbeiterin eines TV-Senders kurz vor einer Live-Schalte. Bilger lächelt.
Mit Bauhelm und Kappe unterwegs
In die Kamera sagt der Verkehrsminister dann Sätze wie: "Wir haben so viel Geld zur Verfügung wie nie." Oder: "Die Voraussetzungen sind wirklich bestens." Oder: "Unser Auftrag ist, dieses Geld in die Umsetzung zu bringen." Es sind austauschbare Allgemeinplätze. Aber auch bei Detailfragen zu Schleusen oder Finanzierungssorgen gerät der Minister nicht ins Stocken. Als ihm bei einem TV-Interview fast der Bauhelm vom Kopf geweht wird, greift er schnell mit beiden Händen zu, hält den Helm fest, beendet seinen Satz, lächelt und sagt: "Bisschen windig hier."
Als sich Bilger am nächsten Tag über eine autonom fahrende Fähre in Kiel informiert, zögert der Minister nur für eine Sekunde, als ihm ein Käppi in die Hand gedrückt wird. "Captn" steht auf der dunkelblauen Kappe in Großbuchstaben. Es ist der Name des Projekts. Bilger setzt das Käppi auf den Kopf, schief, es passt nicht richtig. Er lächelt in die Kameras, aber dann scheint ihm die Kappe doch etwas unangenehm zu sein. Er setzt sie wieder ab. Zuvor nannte er die "MS Wavelab", so heißt die Fähre, ein "wahres Leuchtturmprojekt".
Noch scheinen Bilgers Enthusiasmus und Tatendrang ungebremst zu sein. Die guten Voraussetzungen, von denen der Minister fortwährend spricht, hatte allerdings auch sein Vorgänger Schnieder. Ebenso wie die Probleme. Eine heruntergewirtschaftete Infrastruktur lässt sich nicht mit einem Fingerschnippen sanieren, selbst wenn das Geld da ist. Es braucht Zeit, Ergebnisse werden erst mit Verzögerung sichtbar. Und weil Sanierungen Baustellen bedeuten, gilt oft: Es wird schlimmer, bevor es besser wird.
Die Menschen in Deutschland aber sind ungeduldig. Deshalb müssen auf Bilgers Ankündigungen Taten folgen, er muss schnell Resultate liefern, spürbare Veränderung. Einen Reparatur-Zauberstab hat er allerdings genauso wenig wie sein Vorgänger. Und quälenden Stillstand, selbst wenn er nur gefühlt ist, wird Bilger nicht dauerhaft weglächeln können.
Verwendete Quellen
- Begleitung der Sommerreise von Verkehrsminister Bilger
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