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Bremer Unternehmen startet mit Dorfläden bundesweit durch
06.06.2026 - 16:03 UhrLesedauer: 5 Min.

Landgeschwindigkeit (Symbolbild): Ein Unternehmen setzt auf Einkaufsläden in dörflichen Gebieten, um die lokale Infrastruktur zu stärken. (Quelle: ZQS)
Ob Bäcker, Fleischer oder Tante-Emma-Laden – viele Geschäfte auf dem Land schließen. Eine Bremer Firma hält dagegen. Ein Bundesland will nun gar sein Ladengesetz ändern.
Die Zahlen sind drastisch. Nur 53,2 Prozent der Bevölkerung sind in Deutschland mit der Daseinsvorsorge im eigenen Umfeld zufrieden, stellt das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in seiner Studie "Geographien der Unzufriedenheit" fest. Mal ist es die Postfiliale, die schließt. Mal fehlt die Busanbindung, mal die Bäckerei um die Ecke. Gerade auf dem Land.
Das Gefühl des Abgehängtseins trifft vor allem in der rechten Wählerschaft die Stimmung: "In der AfD-Anhängerschaft überwiegt der Anteil, der die Daseinsvorsorge negativ einschätzt", notieren die Autoren der IW-Studie.
Schon zuvor hatte eine Untersuchung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung die schwächelnde Infrastruktur auf dem Land mit rechten Wahlerfolgen in Verbindung gebracht. Das Fazit der Studie mit dem Titel: "Antidemokratische Wahlerfolge im ungleichen Deutschland": "Mit großem Abstand am erfolgreichsten ist der Rechtspopulismus in den strukturschwachen ländlich geprägten Räumen Ostdeutschlands. Trotz einiger Aufholerfolge, etwa in der Einkommensentwicklung, ist der Stimmenzuwachs für Rechtsaußen ungebremst."
Zwei Drittel der Landbevölkerung in Deutschland hat keine Möglichkeit, um fußläufig einzukaufen. Macht bundesweit rund sechs Millionen Menschen. Das Bremer Unternehmen Enso steuert dagegen. Der Handelskonzern setzt vorrangig auf kleine Einkaufsläden auf dem Land. Die Motivation umschreibt Pressesprecherin Jessica Renziehausen von Enso so: "Die Freude einer 90-jährigen Frau, die in ihrem Dorf selbst wieder einkaufen kann, dieses Gefühl zurückgespiegelt zu bekommen, ist einfach unbezahlbar."
t-online erklärt Idee und Hintergründe.
Das Konzept gibt es mittlerweile deutschlandweit
Das Unternehmen Enso wird 2016 gegründet. "Ursprünglich als Online-Shop", wie Renziehausen erläutert. Doch wird die Online-Welt vielen Kunden bald zu einsam. Die Menschen wollen mehr als im Netz bestellen und an der Haustür ein Paket entgegennehmen. Es geht um reale Kontakte – gerade auf dem flachen Land.
So startet Enso 2019 den ersten Tante-Enso-Laden in Niedersachsen. Der Begriff setzt sich zusammen aus Tante-Emma-Laden und dem eigenen Firmennamen. Fast hundert weitere Tante-Enso-Geschäfte sind inzwischen dazugekommen. Deutschlandweit.
Renziehausen sagt zu den Voraussetzungen für eine Filialöffnung: "Wir brauchen einen Ort mit einer Bevölkerung von tausend bis dreitausend Menschen. In Fahrradnähe im Umkreis von rund fünf Kilometern sollte es keine weitere Einkaufsmöglichkeit geben. Und ein Pluspunkt ist eine ehemalige Ladenfläche oder leerstehende Immobilie mit genug Fläche, die wir nutzen können."
Enso setzt dabei auf die Menschen vor Ort. Sie werden vor dem Start einer neuen Filiale nach ihren Wünschen befragt. Und sie sollen gemeinsam mit Enso in eine lokale Genossenschaft einsteigen. "Das erhöht die Identifikation mit dem ganzen Vorhaben", sagt Jessica Renziehausen. Einkaufen im Tante-Enso-Laden kann jeder, Genossenschaftsmitglieder erhalten an der Kasse aber einen Rabatt.
Der Vertrieb wird über den überregionalen Handelskonzern Rewe abgewickelt. Doch gibt es im gängigen Sortiment von rund 3.000 Waren ein paar Besonderheiten. Von "Lokalen Helden" spricht Renziehausen, das sind Produkte von regionalen Unternehmen. Vom Grillwürstchen einer regionalen Fleischerei bis zum Honig vom lokalen Imker.
Noch ein Plus: Der Laden ist rund um die Uhr geöffnet. An dreißig Stunden in der Woche ist Personal vor Ort. Danach kommt man mit einer Kundenkarte rein. Auch am Sonntag.
"Wir haben ein neues Dorfzentrum"
Bernd Horstmann sagt es so: "Wir sind ein kleines Dorf, aber wir sind schnell zu dem Schluss gekommen, dass wir eine große Lösung brauchen." Horstmann ist erster stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Glasau-Sarau. Rund 850 Menschen leben in dem Ort nahe Eutin in Schleswig-Holstein.
Nachdem der Tante-Emma-Laden im Dorf aufgegeben hatte, zog die Gemeinde einen Neubau im Stil eines alten Bauernhofs hoch. Dort finden sich nun ein Tante-Enso-Laden und ein Café mit Backshop. "Wir haben ein neues Dorfzentrum", sagt Horstmann, zugleich "Markttreff"-Koordinator der Gemeinde.
"Markttreff" ist ein Konzept des Landes Schleswig-Holstein. Die Kieler Landesregierung will so mit Unterstützung der EU die Infrastruktur im ländlichen Raum stärken. Knapp fünfzig "Markttreffs" gibt es im Land – von Heidgraben im Hamburger Umland bis Glasau-Sarau nahe Eutin.
Dort sagt Bernd Horstmann: "Uns war wichtig, dass hier Menschen zusammenkommen." Deshalb gehört zum "Markttreff" ein Café mit Backshop. Dort gibt es frische Brötchen zum Mitnehmen oder einen Snack vor Ort, Mittagstisch inklusive. Am Nachmittag darf es auch mal selbstgemachter Kuchen sein. "Zu moderaten Preisen", betont Horstmann und fügt hinzu: "Uns ging es von Anfang an ums Wir-Gefühl." Und um praktische Lösungen. Künftig soll eine Digital-Station im "Markttreff" auch kleinere Gänge zur Verwaltung erübrigen.
Die Studien
Mal ist es der Bäcker, der schließt, mal gibt der Fleischer auf oder die Dorfkneipe. Politologe Lukas Haffert von der Universität Bremen analysiert dieses Entwicklungen und betont: "Was diese Orte gemeinsam haben, ist, dass sie eine soziale Infrastruktur bilden."
Haffert veröffentlichte zahlreiche Studien zum Gefälle zwischen Stadt und Land. Sein Buch "Stadt, Land, Frust" erregte großes Aufsehen. Forscher wie Haffert sehen in Bäckereien, Büchereien und Dorfkneipen auf dem Land "dritte Orte", an denen sich das Leben abspielt, neben Wohnen und Arbeit. Haffert erläutert: "Das sind Orte, an denen man sich trifft. Verschwinden diese Orte, löst sich das soziale Netz auf. In der Schweiz sind Schließungen von Postfilialen aus demselben Grund ein Thema." Die Folge: Leere auf dem Land und wachsender Unmut.
Oft greifen Rechtsaußenparteien diesen Unmut auf und füllen die Lücke. In den Niederlanden etwa verlegte die rechtsextreme Gruppierung Forum voor Demokratie (FvD) vor den jüngsten Kommunalwahlen ihre Wahlkampfkundgebungen in Dorfcafés, die aufgegeben hatten. Bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz versuchte auch die AfD mit dem Thema Dorfkneipe zu punkten.
Haffert hat eine Erklärung für rechte Erfolge in Gegenden mit schwächelnder Infrastruktur: Wissenschaftler sprechen von der sogenannten Kontakt-Hypothese: "Wer wenig in soziale Zusammenhänge eingebunden ist, ist umso anfälliger für die Mobilisierung von rechts", so Haffert.
Andere Bundesländer wollen nachziehen
Längst machen Konzepte wie Tante Enso oder "Markttreff" Schule. Zuletzt eröffnete Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) einen "Markttreff" auf der Hallig Hooge. Cornelia Schmachtenberg (CDU), schleswig-holsteinische Ministerin für Landwirtschaft, ländliche Räume, Europa und Verbraucherschutz, sagt: "'Markttreffs' sind für uns weit mehr als geförderte Infrastrukturprojekte. Sie sind Orte der Begegnung, des Zusammenhalts und des gelebten Miteinanders."
Andere Bundesländer wollen dem Beispiel folgen. In Brandenburg kündigte der neue Minister für Arbeit, Soziales, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt, René Wilke (SPD), jetzt gar eine eigene Initiative an. So sollen Landesgesetze geändert werden, um kleinen Nahversorgern auf dem Land auch am Sonntag den Verkauf zu ermöglichen. Wilke betonte im rbb: "Gerade im ländlichen Raum ist es wichtig, dass Menschen Waren des täglichen Bedarfs auch zukünftig wohnortnah einkaufen können."
Wer sich umhört in der Branche, erfährt: In vielen Gemeinden mit lokalen Nahversorgern ist der Sonntag längst der umsatzstärkste Tag.


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