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Orgo-Life the new way to the future Advertising by AdpathwayNach Wahlsieg der Grünen in BaWü
Diese Kleinigkeit passt ins Bild
09.03.2026 - 17:42 UhrLesedauer: 5 Min.

Enges Rennen: Cem Özdemirs Grüne haben die Landtagswahl in Baden-Württemberg mit knappem Vorsprung gewonnen. (Quelle: IMAGO/imago)
Cem Özdemirs Strategie geht auf: Der Realo überholt in Baden-Württemberg die CDU. Eine Strategie für die gesamte Partei? Oder geht es im Ländle einfach anders zu?
Cem Özdemir wurde nur zugeschaltet. Während CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel am Tag nach seiner Wahlniederlage in Baden-Württemberg an der Seite von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Berlin stand, blieb Özdemir in Stuttgart. Bei der Sitzung des Bundesvorstands der Grünen war Özdemir nur auf dem Bildschirm dabei. Vor die Presse trat die Parteivorsitzende Franziska Brantner wenige Stunden später alleine. Es ist nur eine Kleinigkeit. Aber sie passt ins Bild.
Özdemir hat in Baden-Württemberg eine spektakuläre Aufholjagd hingelegt und am Ende die CDU knapp überholt. Der Ober-Realo machte einen Wahlkampf, der völlig auf seine Person zugeschnitten war. Nicht nur präsentierte er sich als pragmatischer Macher, der nicht von Ideologien getrieben ist. Özdemir suchte auch zu seiner eigenen Partei maximalen Abstand. Nicht wenige sagen: Er hat nicht wegen der Grünen gewonnen, sondern trotz der Grünen.
Am Tag nach der Wahl steht die Frage im Raum, was Özdemirs Wahlsieg im Südwesten für die Bundespartei bedeutet. Sollen die Grünen Özdemirs Mitte-Kurs übernehmen oder ist das bürgerlich-konservative Ländle ein Sonderfall? Einigkeit herrscht über alle Lager hinweg darüber, dass Özdemir einen beachtlichen Erfolg eingefahren hat. Wohl kaum jemand hätte vor einigen Monaten gedacht, dass der 60-Jährige tatsächlich das Rennen machen würde. Und auch öffentlich mag bei den Grünen jetzt erst mal niemand über Flügelkämpfe reden.
Fest steht: Für die Parteivorsitzende Franziska Brantner, die aus Baden-Württemberg kommt und ebenfalls zum Realo-Flügel gehört, ist Özdemirs Sieg ein doppelter Gewinn, denn er stärkt auch ihre innerparteiliche Position. Die frühere Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, die als Vertraute von Robert Habeck gilt, hat in den vergangenen Wochen intensiv Wahlkampf im Ländle gemacht. Ihr Kurs und ihr Einsatz zahlen sich nun aus. Baden-Württemberg müsse man "kapieren, nicht kopieren", sagt sie und fordert mehr Pragmatismus für die Partei im Bund.
Schaut man rein auf die Rhetorik, sagt Katharina Dröge eigentlich auch nichts anderes. Eine bloße Kopie des Özdemir-Wahlkampfs sei nicht die Lösung, betont die Co-Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag im Interview mit t-online. "Man muss schauen, was gut funktioniert hat." Dröge zählt, anders als Brantner, zum linken Flügel der Partei.
Dröge dürfte sich in den vergangenen Wochen bei einigen von Özdemirs Äußerungen auf die Zunge gebissen haben. Doch die Partei gab sich über alle Lager hinweg geschlossen, um den Wahlkampf des grünen Spitzenkandidaten nicht zu gefährden. Dröge mahnt jetzt: "Wir haben als Bundespartei immer zu Cem gesagt: Du machst deinen Wahlkampf. Jetzt machen andere Landesverbände ihren Wahlkampf." Die Ansage ist klar – etwa mit Blick auf Berlin. Özdemir soll sich da schön heraushalten, so die Botschaft. In der eher progressiven Hauptstadt wird im September gewählt.
- Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge im Interview: "Das schaffen andere Parteien ja auch"
Die Geschlossenheit der Grünen rund um Özdemirs Wahlkampf war tatsächlich beachtlich. Auch hier hat die Parteiführung in Berlin es geschafft, den Laden zusammenzuhalten. Denn die Grünen haben durchaus Lust am Streiten. Dass sie Özdemir gewähren ließen, zeugt von Disziplin. Der Grünen-Politiker Michael Kellner sieht aber nicht nur das stumme Aushalten seiner Partei als Grund für Özdemirs Erfolg. "Die Geschlossenheit der Partei ist das eine. Aber man sollte auch anerkennen, dass die Bundesebene bei einigen Themen Cem Özdemir aktiv sehr geholfen hat", sagt er t-online. Die Erzählung von Özdemirs Solosieg will man bei den Bundesgrünen also nicht gelten lassen.
Konkret spricht Kellner über das neue Heizungsgesetz von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) oder die vom Arbeitgeberflügel der Union angestoßene Debatte über Lifestyle-Teilzeit. "Da ist die Bundespartei voll drauf gegangen. Und das war auch eine große Hilfe im Wahlkampf in Baden-Württemberg", sagt Kellner. Es sei nun das eine, nach den Lehren der Wahl zu fragen, so der Bundestagsabgeordnete. Aber wichtig sei, dass der Sieg in Baden-Württemberg der Partei auch wieder Selbstbewusstsein gebe. "Das darf man nicht unterschätzen."
In der Tat liegt hinter den Grünen ein schwieriges Jahr. Nach dem Ampel-Aus mussten sie ihre Rolle in der Opposition erst finden. Bundesweit liegen sie in Umfragen zwischen elf und zwölf Prozent. Das ist zu wenig für eine Partei, die eigentlich den Anspruch hat, Kanzlerin oder Kanzler zu stellen. Ein Wahlergebnis von mehr als 30 Prozent in Baden-Württemberg lässt da einige wieder von der Volkspartei der Mitte träumen, für die Robert Habeck einst stand.
Einerseits hat Habecks und Annalena Baerbocks Ausstieg aus der aktiven Parteipolitik der Partei eine Last genommen und die Chance zur Erneuerung gegeben. Andererseits fehlt es an wirklich prominenten Führungsfiguren an der Spitze. Habeck und Baerbock mögen polarisiert haben. Doch selbst wenn sie nicht bei allem im Land beliebt waren, waren sie bundesweit bekannt.
Könnte Cem Özdemir diese Rolle perspektivisch einnehmen? Die Fraktionsvorsitzende Dröge antwortet auf die Frage, ob sie fürchte, dass Özdemir, gestärkt durch das Wahlergebnis, sich selbstbewusst in der Bundespolitik einmischen könnte: "Ich glaube, er hat aus seiner Sicht das schönste Amt anvertraut bekommen, das es gibt: Ministerpräsident von Baden-Württemberg." Deswegen sei sie sich sicher: "Sein Fokus liegt jetzt auf Baden-Württemberg."
Schwierige Verhandlungen in Stuttgart
Tatsächlich steht Özdemir in Stuttgart nicht nur vor großer Verantwortung, sondern auch vor großen Herausforderungen. Die CDU wird nicht müde, ihm eine "Schmutzkampagne" vorzuwerfen. Grund: das acht Jahre alte Interview Hagels mit Sprüchen über eine Schülerin mit "rehbraunen Augen". Das Video hatte eine grüne Bundestagsabgeordnete gut zwei Wochen vor der Wahl veröffentlicht. Es warf kein gutes Licht auf den häufig farblos wirkenden CDU-Spitzenkandidaten.
Özdemir weist die Vorwürfe vehement zurück, will von dem Post der Abgeordneten vorab nichts gewusst haben. Bei der CDU schäumen sie dennoch vor Wut, die Koalitionsverhandlungen dürften schwierig werden.
Wie hart es werden könnte, zeigt der Vorschlag der Union, die Macht im Ländle zu teilen. Der Hintergrund: Der Vorsprung der Grünen vor der CDU ist derart knapp, dass die Fraktionen im neuen Landtag auf jeweils 56 Mandate kommen. Özdemir lehnt die Unions-Idee als "Quatsch" ab. Aber das Gedankenspiel zeigt: Zumindest vorerst dürfte der 60-Jährige mit anderen Dingen als Bundespolitik beschäftigt sein, denn die CDU im Südwesten hat noch eine Rechnung offen.
Für die Koalitionsverhandlungen gibt es auch noch Vorschläge aus der eigenen Partei, die Özdemir gar nicht schmecken dürften. Die Grüne Jugend betont in einem Papier, Wahlsiege seien nichts wert, wenn die Landesregierung keine klar soziale Politik mache. Die Parteijugend fordert neben bezahlbaren Mieten und dem Kampf gegen Vermögensungleichheit auch den Verzicht auf "migrationspolitische Verschärfungen".
Außerdem solle der Ex-Grüne Boris Palmer, mit dem Özdemir Wahlkampf gemacht hat, keine Funktion in der Landesregierung übernehmen. "Die Haltungen und wiederholten rassistischen Äußerungen des ehemaligen Grünen-Mitglieds Boris Palmer sind mit den Grundwerten unserer Partei unvereinbar", so die Grüne Jugend.
Der Co-Chef der Parteijugend, Luis Bobga, setzte noch einen drauf. "Was bringt mir jemand mit Migrationsgeschichte als Ministerpräsident, wenn seine Politik sich eben ganz oft gegen Migrantinnen richtet?", sagte er dem Sender ntv.
Parteichefin Brantner reagierte am Montag in Berlin sichtlich verstimmt auf das Papier und die Äußerungen der Parteijugend. Es verbiete sich, an diesem Tag Forderungen aus Berlin nach Baden-Württemberg zu schicken, sagte sie. Jemandem wie Özdemir sei es sicher nicht in die Wiege gelegt gewesen, Ministerpräsident von Baden-Württemberg zu werden.
Dass die linke Parteijugend wenig mit dem Realo Özdemir anfangen kann, ist kaum überraschend. Aber das schnelle Austeilen nach dem Wahlsieg zeigt auch, dass der Burgfrieden in der Partei vielleicht doch nicht mehr so lang anhalten wird. Insofern hat Özdemir vielleicht gut daran getan, am Montag nicht zur Parteispitze nach Berlin zu fahren. Stattdessen hat er sich in der Landespressekonferenz in Stuttgart den Fragen der Presse gestellt. Die Hauptstadt mit ihren streitlustigen Bundesgrünen, die ist viele hundert Kilometer entfernt.


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